H&H #007 – KW 03/20 – Zentralbanken, ESG, Markterwartungen

Notenbanken und EZB

Im Raum steht die große Frage, wie es mit der Politik der Notenbanken weitergeht. Beobachter sind sich mehr oder weniger einig, dass in Großbritannien wegen der bevorstehenden Belastungen durch den Brexit eher früher als später eine Zinssenkung ansteht, alleine schon, um ein drohendes Abrutschen der Konjunktur zu verhindern. Ähnliches könnte den USA bevorstehen. Hier sprechen manche schon von einer Runde des Quantitative Easing Nr. 4.
Manche Beobachter sehen die Notenbanken längst in einer Falle, aus der es so leicht keinen Ausweg geben wird. Das gilt im Übrigen auch für die EZB, die ebenfalls zu neuen Schritten genötigt sein könnte, wenn das Wachstum im Euroraum im ersten Quartal weiter nachgibt. Vor dem Jahreswechsel war man sich einig, dass die neue EZB-Präsidentin Christine Lagarde nichts Wesentliches an der Politik der EZB und schon gar nicht an den niedrigen Zinsen ändern wird. Jetzt häufen sich die Spekulationen, dass sie doch etwas ändern wird. Inzwischen halten viele einen weiteren Schritt nach unten für möglich, weil andere Notenbanken diesen Weg vorgeben.
Womit sicher zu rechnen ist – und das hat EZB-Präsidentin Christine Lagarde auch schon angekündigt: Die Strategie der Notenbank kommt auf den Prüfstand. Kernstück soll eine Überprüfung bzw. Präzisierung des Inflationsziels von „unter, aber nahe zwei Prozent“ sein. 

Nachhaltigkeit längst kein Trend mehr

Dass die Themen Nachhaltigkeit und ESG inzwischen längst kein irgendwie gearteter Trend mehr sind sondern eher so etwas wie eine neue allgemeine Basis-Guideline für die Märkte, dürfte inzwischen auch dem letzten Zweifler klar sein.
Zwei wesentliche Entwicklungen in der vergangenen Woche haben dem Ganzen aber noch einmal einen ganz neuen Schub verliehen. Ein Aspekt betrifft die jüngsten Äußerungen von Blackrock-Chef Larry Fink:
In seinem jährlichen Rundschreiben hat Fink auch die Führungsetagen der bedeutenden Unternehmen der Welt dazu aufgefordert, mehr für den Klimaschutz zu tun und wenn nötig ihr Geschäft entsprechend umzustrukturieren. In einem zweiten Brief, den Fink an die Kunden des Vermögensverwalters verschickt hat, erklärte Fink zudem, wie er mit seinem eigenen Unternehmen den Herausforderungen des Klimawandels begegnen will. Demnach soll das Volumen nachhaltiger Geldanlagen seines Hauses binnen zehn Jahren von 90 Milliarden auf eine Billion Dollar ausweiten wachsen. Blackrock werde künftig “ökologische, ethische und soziale Belange ebenso strikt beachten wie traditionelle Kriterien wie Bonitäts- und Liquiditätsrisiken.
Ein starkes Signal vom mächtigsten Marktteilnehmer überhaupt, auf das man zwar lange gewartet hat, das aber umso stärker wirkt.

Abgesehen davon hat die neue EU-Kommissionspräsidentin Anfang der vergangenen Woche den Green Deal der EU vorgestellt und erstmals mit konkreten Zahlen und Konzepten unterlegt. Unter dem Titel “Nachhaltiger Europäischer Investitionsplan“ will die Kommission innerhalb eines Jahrzehnts eine Billion Euro an Investitionen für den Kampf gegen den Klimawandel mobilisieren. Hinzu kommt ein sogenannter “Mechanismus für einen gerechten Übergang”. Damit will die EU Regionen, die stark von Kohleverstromung abhängen, beim Strukturwandel helfen.
Die Entscheidungen von EU und Blackrock sind nur zwei wenn auch wohl die stärksten Entwicklungen, die für eine weiter wachsende Bedeutung des ESG-Themas sprechen, wir könnten sicher noch eine ganze Reihe weiterer Aspekte aus der vorigen Woche nennen. Zwei weitere interessante Studien zu dem Thema sind in den Quellen markiert.

Markterwartungen –  Aktien inzwischen zu teuer?

Nach der Börsen-Rally des vergangenen Jahres stellen sich viele Markbeobachter die Frage: Sind Aktien und andere Assetklassen inzwischen zu teuer? Christoph Bruns von Loys hat als klare Antwort: „Nein!”. Er verweist darauf, dass die Börsenrally der vergangenen Jahre stark von Technologieaktien getragen wurde. In anderen Branchen sei die Kursentwicklung eher durchwachsen ausgefallen, daraus schöpfe er Zuversicht für 2020. Dennoch: Viele Anleger fürchten zurecht, dass die Aktienmärkte im Laufe des Jahres einbrechen könnten. Nicht nur der jüngst entflammte Iran-Konflikt, auch der Handelsstreit zwischen USA und China, der trotz zuletzt ermutigender Schritte ja noch nicht vollständig gelöst ist. Außerdem schwächt sich die Wirtschaft weltweit ab und China hat gerade in. der vergangenen Woche das mit einem Plus von 6,1 Prozent geringste Wachstum seit 30 Jahren vermeldet. 
Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management, sieht “derzeit wenig Grund, besonders euphorisch oder panisch auf das Jahr 2020 zu blicken”. Aktien hätten zwar luftige Höhen erklommen, aber weder Konjunktur noch Bewertungen und schon gar nicht Zentralbanken würden Anlass geben, einen jähen Absturz zu erwarten. Die These, dass nach einem besonders erfreulichen Aktienjahr die Rückschlagsrisiken im Folgejahr besonders hoch seien, sei halte einer Überprüfung ohnehin nicht stand. Und eine Blase sei nicht in Sicht: Weder Rezession, noch hohe Zinsen oder extreme Bewertung bei Aktien, drei Aspekte früherer Crash-Phasen, sind vorhanden. 

Personalien

Die US-Fondsgesellschaft Franklin Templeton hat Stefan Bauer zum neuen Leiter seines Deutschlandgeschäfts berufen. Er ist 2015 von der Deka gekommen und war bisher Leiter des institutionellen Geschäfts.

Und erneut gibt es den viel zu frühen Tod eines weithin beliebten Marktteilnehmers zu betrauern. Michael Mewes, Leiter Kundenportfoliomanagement beim Fondsanbieter DJE Kapital, ist im Alter von nur 56 Jahren unerwartet verstorben. Vor seinem Wechsel zu DJE stand Mewes 22 Jahre lang in den Diensten von J.P. Morgan Asset Management. Der Familienvater war passionierter Marathonläufer und Bergwanderer.

Wochenausblick

  • World Economic Forum in Davos 21 bis 24 Jan. 2020 in Davos
  • Dienstag: ZEW Konjunkturerwartungen für Deutschland
  • Donnerstag: nächste Zinsentscheidung der EZB
  • Freitag: neueste Zahlen zum ifo Geschäftsklimaindex in Deutschland

Quellen