H&H #006 – KW 12/20 – Corona-Krise, Assetklassen in (Corona-) Krisenzeiten, Notenbanken und Fiskalpolitik

Eine weitere Woche liegt hinter uns, die vor allem von einem geprägt war: Unsicherheit über die weitere Entwicklung. Hieß es noch vor wenigen Tagen etwa von Marktteilnehmern wie Dr. Jens Ehrhardt, man müsse nicht unbedingt von einer langfristigen Baisse ausgehen, hörte sich das am vergangenen Samstag bei Prof. Bert Rürup in einem Interview mit dem Handelsblatt schon ganz anders an, Tenor: Die Welt verändert sich aktuell so schnell, dass ein Statement von heute morgen schon längst Geschichte sein kann. 

Entsprechend schwer ist es derzeit, den Überblick über die Ereignisse zu behalten. Auch im privaten Leben merkt man, wie die Stimmung in den vergangenen Tagen deutlich gekippt ist. Und die Märkte? Es gab den größten Wochenverlust an den Aktienmärkten seit dem Jahr 2008. Harvard Professor und Ex-IWF-Chefökonom Kenneth Rogoff sprach von der ersten globalen Krise seit 1929. 

Wochenrückblick

Massive Kursrückgänge und extreme Schwankungen, sprich eine enorm hohe Volatilität, prägen die Kapitalmärkte seit dem 19. Februar. Und nicht nur Aktienmärkte waren betroffen, zeitweise wurde regelrecht liquidiert, was nur irgendwie zu Cash zu machen war. Was entsprechend auch an den Renten- wie auch den Rohstoff-Märkten spürbar wurde. Selbst die vermeintlich “sicheren Häfen” wie Gold oder Bitcoin wurden regelrecht verprügelt. Und am Ende kam auch noch mit dem bereits am 8. März entfachten Streit zwischen OPEC und Russland um Ölfördermengen eine zusätzliche Belastung hinzu, so etwas wie der zweite Black Swan sozusagen direkt auf den Fersen von Covid-19. 

Da fragt man sich schon, ob es wirklich ermutigend ist, dass zumindest die europäische Börsen die vergangenen Woche mit positiven Vorzeichen beendet haben. Denn das gilt nur für Europa, die Märkte in USA waren zum Teil nochmal um 18 Prozentpunkte im Minus, auch Asien mit negativen Vorzeichen, wenn auch weniger stark. Und vor allem: Keiner weiß, wo es hingehen wird in der vor uns liegenden Woche. 

Is this time different?

Die große Frage, die sich stellt, lautet: Is this time different? Und man kann eigentlich nur zu dem Schluss kommen: Ja! Denn es gibt nicht wirklich viel, was die aktuelle Krise mit früheren Stresssituationen an den Märkten gemein hätte. Frühere Krisen hatten einen konkreten Anlass, der sich zum Teil lange vorher und kontinuierlich angekündigt hat: Die Technologieblase von 2000 war von enorm hoch getriebenen Erwartungen und Bewertungen geprägt. Die Finanzkrise ab 2007, die am Ende in eine Weltwirtschaftskrise gemündet ist, war eigentlich die Folge eines spekulativ aufgeblähten Immobilienmarkts in den USA. Und die Eurokrise hat als Staatsschuldenkrise begonnen – Stichwort Griechenland – , um sich später zu einer Bankenkrise und darauf zu einer Wirtschaftskrise auszuweiten. All das hatte einen mehr oder weniger lange vorher erkennbaren Vorlauf, auf den man sich unter Umständen sogar hat vorbereiten können. Eine Fondsgesellschaft wie Carmignac hat ihren Aufstieg im Nachgang zu 2008 unter anderem dem Umstand zu verdanken, dass man vorbereitet war und entsprechend nur geringe Verluste verzeichnet hat im Carmignac Patrimoine.

Dennoch: Ist es nicht zu einfach, zu sagen, dass dieses Mal alles anders ist beziehungsweise dass frühere Krisen sogar auf eine Art oder besser zu handhaben waren? Natürlich hat man sich auch damals Fragen gestellt. Etwa, was passieren würde, wenn das Bankensystem zusammenbräche. Der Unterschied: Man hatte eigentlich zu jeder Zeit die Oberhand über die Ereignisse, kannte die Ursache und konnte für ausreichend Liquidität sorgen und so weiter. Den Unterschied zu heute hat Richard Woolnough, Rentenspezialist und Fondsmanager des M&G Optimal Income Fund sehr gut zusammengefasst. Er schreibt, dass der aktuelle Wirtschaftsabschwung nicht auf die “üblichen Verdächtigen” zurückzuführen sei wie eine inverse US-Treasury-Zinskurve, einen abgeschwächten US-Immobilienmarkt oder einen steigenden Ölpreis. Die Gründe liegen zudem nicht in politischen Fehlentscheidungen. Von daher haben – sozusagen “zum Glück” – auch nicht die selbsternannten Crash-Propheten Recht behalten, von denen man schon den Eindruck hatte, dass sie den Crash regelrecht herbeisehnen, nur um Recht zu behalten. Am Ende sind alle ins Leere gelaufen, auch wenn Sie vom Effekt her Recht behalten haben. Aber es war eben nicht der vermeintlich “schwächelnde” Euro, nicht die überzogenen Bewertungen, und auch nicht die weiter munter angestiegene Verschuldung von Staaten. Am Ende war es ein schwarzer Schwan, dessen Wirkung in diesem Ausmaß niemand auf dem Schirm hatte.

Und was kommt auf uns zu? Gabriel Felbermayr, Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, dürfte schon Recht haben, wenn er inzwischen sagt, dass das “Coronavirus die Wirtschaft in Deutschland so stark belasten wird wie keine Krise zuvor”. Im Handelsblatt hat er davon gesprochen, dass die bevorstehende Rezession “die Mutter aller Rezessionen” sein wird. 

Da stellt sich automatisch die Frage, welche Auswirkungen das am Ende für die Fondsbranche haben wird. Es wird wahrscheinlich zu einer Fortsetzung der Konsolidierung führen, allerdings sind in der jetzt sozusagen “stillgelegten” Arbeits-Atmosphäre konkrete Aussagen kaum möglich.

Auswirkungen auf die Fondsbranche

Hart getroffen hat es natürlich manche Anleger beziehungsweise ihre Fondsmanager. Bruno Crates zum Beispiel von Natixis-Tochter H2O Asset Management. Der Musste mit Schlagzeilen leben wie “Corona Chaos zerstört H2O Fonds”, und Morningstar hat das Rating für H2O Fonds ausgesetzt. Zur Begründung hieße es, es sei dem Fondsmanagement “wiederholt” nicht gelungen, “Risiken wirksam zu begrenzen”. Der Fonds hatte im Zuge des massiven Ausverkaufs an den Börsen durch das Coronavirus allein an einzelnen Handelstagen im März zum Teil weit über 20 Prozent an Wert verloren. Seit dem Beginn der Corona Krise verlor der H2O Multiequities ganze 75 Prozent seines Werts. Der H2O Vivace und der H2O Multistrategies verloren sogar gut 76 Prozent, und auch der H2O Multibonds brach um 55 Prozent ein. Per Ende Januar war noch ein Vermögen von über 20 Milliarden Euro vorhanden, Ende vergangener Woche war das Vermögen der Fonds auf unter 14,5 Milliarden Euro eingebrochen.

Kaufen trotz oder gerade wegen der Krise?

Jetzt fragt natürlich jeder: “Kaufen trotz oder gerade wegen der Krise? Ist ein Ende in Sicht? Einfache Antworten auf diese Frage gibt es nicht. Soll man auf Ratschläge hören, die sagen, Aktien auf jeden Fall kaufen, jetzt erst recht? Im Sparplan vielleicht, da macht man kaum etwas verkehrt. Bei der Einmalanlage sieht das anders aus, hier sollte man sein Pulver nicht komplett verschießen, denn es könnte noch deutlich härter kommen wie die neue Woche uns sicher zeigen wird. Und den Tiefpubkt erwischt man sowieso nicht, wie Acatis-Stratege Stefan Riße treffend bemerkt: “Die tiefsten Kurse erwischt niemand, nur die Lügner, die behaupten, es geschafft zu haben.”

Eine gute Zusammenfassung bietet Georg Graf von Wallwitz, Gründer und geschäftsführender Gesellschafter beim Vermögensverwalter Eyb & Wallwitz. Er rechtn mit eine Rezession in Europa und den USA, von der wir heute weder wissen, wie lange sie dauern, noch wie tief sie sein wird. Aber: Nicht alle Wirtschaftszweige werden gleichermaßen gefährdet sein. Digitale Dienstleister, die Softwareindustrie oder das Gesundheitswesen werden weniger in Mitleidenschaft gezogen werden. Auch Anbieter von Cloud-Dienstleistungen für Unternehmen dürften erstarkt aus der Krise hervorgehen. Eine Reihe von Unternehmen werden laut von Wallwitz nach der Rezession vermutlich sogar noch besser dastehen als vorher. Und wie sieht es für einzelne Assetklassen aus? 

Assetklassen in (Corona-) Krisenzeiten

Gold ist der große Verlierer. Uwe Zimmer, Vermögensverwalter aus Köln bringt es auf den Punkt: “Wenn Aktien frei fallen, sollte Gold Sicherheit geben. Wenn die Welt untergeht, ist man mit Gold gut bedient. Zwei oft gehörte Sätze, die sich gerade wieder einmal als falsch erweisen.” Gold sei eben kein Krisenschutz. Es sei einfach nur eine Assetklasse, die mal funktioniert und mal eben nicht. Die zudem keine Zinsen trage und nur Geld für die Aufbewahrung koste. 

Aktien: Der deutsche Aktienmarkt ist in Abschwungphasen schon oft sehr labil gewesen. Der DAX verzeichnet entsprechend ein Minus von über 35 Prozent seit Beginn der starken Kursrückgänge. Aber auch der amerikanische S&P 500 endet in einem vorläufigen Minus von gut 20 Prozent. Und es sieht so aus, als hätten die USA noch so einiges vor sich, was die Corona Krise angeht. Von den Akrienmärkten der Schwellenländer darf man sich nicht täuschen lassen. Auch wenn Verluste von “nur” knapp 17 Prozent in einem Monat oder 20 Prozent seit Jahresbeginn zu Buche stehen: Als Entwarnung darf man das sicher noch nicht verstehen.

Staatsanleihen waren als Diversifizierer von Aktien-Risiken nicht schlecht, deutsche Renten konnten zeitweise ein Plus von gut einem Prozent in der Korrekturphase verbuchen. Allerdings boten High Yield und Unternehmensanleihen je nach Emittent und Laufzeit auch nur eins: eine negative Wertentwicklung. 

Erst recht galt das für Bitcoin, der bisher gnadenlos verloren hat, der Verlust liegt bei rund 40 Prozent in Euro gerechnet. Hier gilt im Prinzip Ähnliches wie beim Gold.

Gab es auch positive Überraschungen unter den Fondsmanagern? Ja durchaus, hier einige Beispiele:
Rolf Klein, Vermögensverwalter aus Krefeld, der mit seiner Fonds-Vermögensverwaltung namens Target Managed Depot AR einen Absolute Return Ansatz verfolgt mit dem Ziel, auch bei fallenden Aktien- und Rentenmärkten, die Verlustrisiken möglichst gering zu halten oder sogar davon in Form von Zugewinnen zu profitieren. Hat er geschafft, seine Strategie liegt seit Jahresanfang sogar mit gut 3 Prozent im Plus.  

Der Vates Parade Fonds, ein Fonds, dessen Anpassungen der Aktienquote auf einem regelbasierten makroökonomischen Modell basieren. EIn eigens entwickeltes Ampelsystem gibt die Veränderungen vor, die dann nicht nur homöopathisch sondern sehr gezielt und in einer sehr großen Bandbreite erfolgen. Die Vates Ampel steht zur Zeit weiterhin auf Hellrot, der gesamte Aktienbestand im Fonds ist weiterhin über Futures abgesichert, die Netto-Aktienquote beträgt weiterhin 0 Prozent. Damit hat der Fonds zwar 3,5 Prozent seit Jahresanfang verloren, das ist aber nicht gegen 35 Prozent im Dax oder 30 Prozent im S&P-500.

Und JP Morgan Asset Management zeigt mit seinem Absolute Return Ansatz namens Global Macro Opportunities Fund, dass man auch damit gut durch die Krise kommen kann. Seit Jahresanfang steht da ein Plus von rund 3 Prozent.

Bleibt eins zu hoffen: Dass die massiven Eingriffe und Notmaßnahmen, die die großen Notenbanken im Lauf der vergangenen Woche verkündet haben, gepaart mit Krisenpaketen, die nahezu jede Regierung geschnürt hat, am Ende das Schlimmste werden verhindern können.

Personalien

Theodor Weimer soll der Aufsichtsrat der Deutschen Bank werden und müsste dafür seinen Chefposten bei der Börse frühzeitig abgeben. Er soll Katherine Garrett-Cox ersetzen, die laut dem Geschäftsbericht der Deutschen Bank  ihr Amt auf dem Aktionärstreffen niederlegen wird. Weimer ist seit Langem der erste Kandidat, der das Format hat, den Chefkontrolleur Paul Achleitner im Frühjahr 2022 abzulösen.

Der Freiburger Ökonom Lars Feld übernimmt die Spitze der Wirtschaftsweisen. Er ist seit neun Jahren Mitglied und wurde einstimmig und mit sofortiger Wirkung für drei Jahre zum Vorsitzenden gewählt. Sein Vorgänger Christoph Schmidt ist nach Ablauf seiner Berufungsperiode aus dem Rat ausgeschieden.

Wochenausblick

  • Dienstag: Einkaufsmanagerindex verarbeitendes Gewerbe & Dienstleistungen
  • Mittwoch: ifo-Geschäftsklimaindex Deutschland (März)
    • Vorläufige Auswertung: Stimmung in deutschen Unternehmen hat sich massiv verschlechtert, Geschäftsklimaincex ist auf 87,7 Punkte eingebrochen, nach 96 Punkten in Februar. Das ist der stärkste Rückgang seit 1991 und der niedrigste Wert seit August 2009
  • Donnerstag: Zinsentscheidung der Bank of England

Quellen

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