H&H #002 – KW 07/20 – E,S oder G?, BVI Statistik 2019, Zinspolitik

E, S oder G?

Laut Zahlen von Morningstar sind Nachhaltigkeitsfonds in Europa gefragt wie noch nie. 2019 landete mehr als jeder dritte von Investoren investierte Euro in Produkten, die nach ökologischen, ethischen oder sozialen Kriterien anlegen. Insgesamt sammelten Nachhaltigkeitsportfolios im vergangenen Jahr rund 120 Milliarden Euro netto ein. Das entspricht 37 Prozent der Gesamtsumme, die 2019 in europäische Fonds geflossen ist, ein neuer Absatzrekord bei den ESG-Vehikeln. Insgesamt stieg das Vermögen in europäisch beheimateten ESG-Fonds 2019 gegenüber dem Vorjahr um 56 Prozent auf rund 668 Milliarden Euro, auch ein neuer Rekord.
Wichtig zu wissen: institutionelle und private Gelder werden in dieser Statistik gemeinsam betrachtet. Von daher stellt sich die Frage, ob die Entwicklung durch institutionelle oder private Investoren getrieben ist. Zum Aufschluss in dieser Frage beigetragen hat der BVI, der meldet, dass 40 Prozent der Zuflüsse in Publikumsfonds mittlerweile auf Portfolios entfallen, die als ökologisch, ethisch oder sozial vermarktet werden.
Interessant in diesem Zusammenhang ist auch eine Umfrage von Gothaer Asset Management, durchgeführt vom Forsa Institut. Befragt wurden im Januar circa 1.000 Bundesbürger über 18 Jahre, Ergebnis: Umwelt- und Klimaschutz ist für 44% der Befragten der wichtigste Aspekt bei der Geldanlage. Bei den 18 bis 29 jährigen sind es sogar 68 Prozent. Soziale Gerechtigkeit und Governance sind den Anlegern dagegen weniger wichtig. Das wirft die Frage auf, warum bei Asset Managern eigentlich das “G” für die Unternehmensführung voll im Trend liegt.

Mark Mobius, Alt-Starinvestor von Franklin Templeton, hatte bereits in einem Interview mit FONDS professionell Anfang 2018 erklärt, warum der Aspekt Governance von zentraler Bedeutung für einen Asset Manager ist. “Mit unserem Konzept legen wir einen besonderen Fokus auf sogenannte ESG-Kriterien mit spezieller Betonung auf den dritten Aspekt, die Governance, sprich die Unternehmensführung. Wir wollen mit unseren Investments eine echte Wirkung erzielen, die Unternehmen helfen soll, besser zu werden. Deshalb interessieren uns keine Unternehmen, die in dieser Hinsicht schon weit fortgeschritten sind, wir suchen vielmehr nach solchen, die das Potenzial mitbringen, sich wirklich und nachhaltig zu verbessern.” Das macht in gewisser Weise verständlich, dass die Unternehmensführung eine besondere oder bevorzugte Rolle spielt für die Asset Manager. Denn hier können sie erkennbare Entwicklungen wirklich beurteilen anhand von konkreten Daten und Zahlen. Außerdem sind die Berührungspunkte sehr stark mit den beiden anderen Aspekten E und S. 

BVI Statistik 2019

Der BVI hat seine Absatzstatistik veröffentlicht, unter anderem mit den Gewinnern und Verlierern des Fondsjahres 2019. Erstmal gab es gute Zahlen: Die Asset-Management-Branche in Deutschland verwaltet so viel Geld wie nie. Das verwaltete Vermögen ist im vergangenen Jahr um 15 Prozent auf 3.398 Milliarden Euro gestiegen, eine Verdoppelung auf Sicht von zehn Jahren. Spezialfonds sind dabei der Treiber: 102,7 Milliarden Euro flossen diesen Vehikeln für institutionelle Investoren zu. Die restlichen 17,5 Milliarden Euro entfallen auf Publikumsfonds. 
Bemerkenswert: 40 Prozent des Neugeschäfts mit offenen Publikumsfonds entfielen auf nachhaltig gemanagte Portfolios, nach nur zwölf Prozent im Vorjahr, und lediglich fünf Prozent 2017. Das widerlegt endgültig eine lange auch vom BVI aufrecht erhaltenen Argumentation, dass nachhaltig gemanagte Portfolios nur einen ganz geringen Teil am Neugeschäft ausmachen. 

Insgesamt ging das Nettomittelaufkommen in Publikumsfonds im Vergleich zu den Vorjahren deutlich zurück: 2018 hatten die Anbieter mit diesen Vehikeln netto noch 22,5 Milliarden Euro eingesammelt, 2017 waren es sogar 72,8 Milliarden Euro. Aktienfonds konnten 2019 noch ein leichtes Plus von 4,4 Milliarden Euro verzeichnen, aber Zielvorgabefonds, Wertgesicherte Fonds und Rentenfonds mussten mit Abflüssen von insgesamt rund neun Milliarden Euro hinnehmen. Kein Wunder angesichts der Zinssituation, denn niedrige Zinsen sind natürlich geradezu Gift für die Produkte. 
Interessant die Gewinnerliste: Sie wird mal wieder von Flossbach von Storch angeführt (6,3 Mrd. Euro), danach folgen Union Investment und Universal Investment. Ein Sonderfall ist die DWS mit einem Nettomittelzufluss von 2,6 Milliarden Euro. Hier hat sich die Umschichtung vom inzwischen geschlossenen DWS Flexpension in den DWS Concept Kaldemorgen ausgewirkt. Verlierer waren Allianz Global Investors mit 6,3, Blackrock mit 6,1, gefolgt von Deka mit 1,8 Milliarden Euro. Danach folgen Ethenea und Franklin Templeton mit jeweils rund einer Milliarde Mittelabflüssen. 

Zinspolitik: Tschechien hebt den Leitzins an

Es gibt noch Zentralbanken, die die Zinsen erhöhen. Am 6. Februar 2020 hat die tschechische Zentralbank den Leitzins um 25 Basispunkte auf 2,5 Prozent angehoben. Analysten hatten diese Entscheidung nicht erwartet. Als Grund nannten die Verantwortlichen eine über dem Ziel-Korridor liegende Inflationsrate von über drei Prozent, einen leergefegten Arbeitsmarkt und einen starken Anstieg der Löhne. 
Sicher eine vernünftige Entscheidung, aber daraus den Einstieg zum Ausstieg aus der aktuellen EZB Politik zu konstruieren, ist zu weit gegriffen. Grund genug für EZB Direktorin Isabel Schnabel, den EZB-Nullzins zu verteidigen. Im Interview mit der “Welt” erklärt Sie, für mehr Verständnis in der Bevölkerung werben zu wollen. Das größte Missverständnis sei die viel gescholtene “Enteignung der Sparer”. “Das würde ja bedeuten, dass die EZB den Menschen etwas wegnimmt, das ihnen zusteht”, so Schnabel. “Das ist aber nicht der Fall.“ Kein Sparer habe ein Recht auf hohe Zinsen. Ein Leitzins von 0 Prozent sei das einzig sinnvolle Instrument in einer makroökonomischen Umgebung mit einer alternden Gesellschaft und schwachem Produktivitätswachstum. Hätte die EZB ihre lockere Geldpolitik nicht durchgezogen, wäre die Wirtschaft deutlich langsamer gewachsen, die Inflation wäre niedriger und die Arbeitslosigkeit höher.

Personalien

Matthias Schellenberg stellt sich neuen Herausforderungen
Ist Vorstandschef bei der Privatbank Merck Finck, und wird nun das Unternehmen zum Ende dieses Jahres verlassen. Er wolle sich “neuen Herausforderungen” stellen, heißt es. Bis spätestens Ende Juni soll ein Nachfolger gefunden sein. 
Merck Finck in München verwaltete zuletzt rund zehn Milliarden Euro an Kundengeldern. Das Unternehmen ist eine Tochter der Quintet Private Bank, ehemals bekannt als KBL European Private Bankers

Euroswitch trauert um Gründer Peter Fehrenbach
Im Alter von 71 Jahren verstorben. Der Volkswirt und Finanzjournalist gründete Euroswitch 1992 und war damit ein Pionier der bankenunabhängigen fondsbasierten Vermögensverwaltung.
Fehrenbach hat die Finanzbranche mit seinen innovativen Ideen maßgeblich geprägt und war eine Inspiration für Geschäftspartner sowie Kollegen.

Wochenausblick

  • Montag: Feiertag in den USA, die Märkte bleiben geschlossen
  • In Deutschland wird der ifo Geschäftsklimaindex für Februar veröffentlicht, hier wird ein leichtes Plus erwartet
  • Dienstag: BIP Zahlen für das vierte Quartal in Deutschland. Auch hier erwarten Analysten einen leichten Anstieg
  • Donnerstag: BIP Zahlen für das vierte Quartal in den USA. Eine großartige Veränderung ist nicht zu erwarten

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